Saisonrückblick – Teil 3: Formula Student Germany

Saisonhöhepunkt in Hockenheim: 115 Teams aus aller Welt schlagen ihre Zelte am badischen Hockenheimring auf. Es sind nur noch wenige Sekunden bis zum Start des Endurance. Langsam rollt das Fahrzeug des GreenTeam in Richtung Startlinie. Bei den übrigen Teammitgliedern am Streckenrand steigt die Anspannung. 22 Kilometer trennen das Team jetzt – etwas plakativ gesprochen – von Sieg oder Niederlage.
Gedanklich visualisiert der Fahrer ein letztes Mal die Streckenführung. Vier Radnabenmotoren mit insgesamt 80 Kilowatt Leistung katapultieren das Fahrzeug die Gerade herunter. Die Pylonen, die die Strecke begrenzen, verschwimmen im Sichtfeld des Fahrers. Dann spätes Anbremsen auf T1 – The Kink –, eine ultra schnelle rechts-links Kombination. Die ausgeklügelte Aerodynamik presst das Fahrzeug regelrecht auf die Rennstrecke und ermöglicht extreme Kurvengeschwindigkeiten. Eine kurze Beschleunigungsphase führt direkt in die Kurvenkombination Lost Chain. Danach folgen Nordkurve, Pendulum, Broken Dreams und Horseshoe. 22 mal muss das Formula Student Fahrzeug die Strecke insgesamt umrunden. Ein Streckenposten schwenkt die grüne Flagge, die Zeitenjagd ist eröffnet. Im Endurance – der wichtigsten der insgesamt acht Teildisziplin eines Formula Student Wettbewerbs – stehen Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit des Rennwagens gleichermaßen auf dem Prüfstand.
Eine knappe halbe Stunde später ist das Spektakel fast zu Ende. Letzte Runde. Noch einmal gilt es den Sling Shot, eine langgezogene 180 Grad Rechtskurve, zu durchfahren. Die Ziellinie ist nur noch wenige Meter entfernt. Am Streckenrand brandet langsam Jubel auf. Für diesen Moment hat das ganze Team mit vollem Einsatz gearbeitet.

Die Formula Student Germany ist mit insgesamt 115 Teams der größte Wettbewerb in Europa. „Es ist das Event, das man gewinnen will! Es ist zahlenmäßig das größte, für die Sponsorenreichweite das größte und auch vom Prestige das wichtigste“, erklärt Philipp Mayer. Für das GreenTeam ist das Saisonziel deshalb auch immer so ein wenig auf Hockenheim ausgerichtet. „Wenn man in Hockenheim gewinnt, war es eine erfolgreiche Saison, egal was auf den anderen Events passiert“, ergänzt Marko Nonhoff. Als aktives Mitglied ist die Formula Student Germany aber auch gleichbedeutend mit dem größten Stress und dem größten Druck. Familienmitglieder und Freunde schauen vorbei, Sponsoren, aber auch Alumni und der Förderverein sind vor Ort.

Erfolgreiche Statics
Wie schon in Österreich verliefen die Statics sehr erfolgreich. Ein großes Highlight war dabei der Sieg im Finale des Businessplans. Der einzige Wermutstropfen war der knapp verpasste Finaleinzug im Engineering Design. Auch im Scrutineering hatte das Team keine Probleme. Es gab keine Auffälligkeiten am Auto, die Zeit gekostet hätten, so dass man fast in Rekordzeit durch die technische Abnahme kam.
Fehler durfte sich das Team aber auch nicht leisten, da das Fahrzeug erst als eines der letzten ins Scrutineering geschickt werden durfte.
Anders als bei den übrigen europäischen Wettbewerben ist das Skidpad in Hockenheim künstlich bewässert. Die Erfahrungswerte aus Ungarn und Österreich konnten hier also nicht weiterhelfen. „Es lief einfach nicht so gut“, kommentiert Philipp Mayer die Leistung. Fast drei Zehntel fehlten auf die Topzeit von KA-RaceIng, die die Disziplin mit einer Bestzeit von 5,507 Sekunden dominierten. In Punkte umgerechnet büßte das GreenTeam im Skidpad fast 20 Zähler ein. Auch die ersten beiden Läufe im Acceleration waren bei weitem nicht zufriedenstellend. Fast eine Sekunde fehlte hier auf die Topzeiten. Erst im vierten Laufe erzielte das Team eine passable Zeit, die für den vierten Platz und 65 Punkte gut war.

Eine erste echte Vorentscheidung in der Gesamtwertung zeichnete sich im Autocross ab. Nachdem das Team aus Delft im Skidpad ohne Punkte blieb, musste KA-RaceIng im Autocross einen technischen Defekt hinnehmen – eine Bodenwelle wurde dem Rennfahrzeug zum Verhängnis. Damit konnte das Team aus Karlsruhe lediglich 4,50 Punkte einfahren. An der Spitze entbrannte unterdessen ein enger Zweikampf zwischen Delft und dem GreenTeam. Drei geworfene Cones (Pylonen) im schnellsten Lauf – also die Missachtung der Streckenbegrenzung – verhinderten die Bestzeit für das GreenTeam. „Der AlDe (gemeint ist Alexander Delestan) hat da richtig einen rausgehauen. Leider waren die drei Cones dabei“, blickt Philipp Mayer zurück. „So war Delft mit einer extrem starken Zeit auf dem ersten Platz.“ Zürich, München und das GreenTeam lagen vor dem abschließenden Endurance sehr eng beisammen. Und auch Delft war noch in Schlagdistanz. Vor dem Endurance überschlugen sich dann die Ereignisse.
AMZ Racing (Zürich) entdeckte ein technisches Problem und musste in kürzester Zeit das gesamte Auto zerlegen. „Zürich war in der Box neben uns. Wir konnten ganz gut beobachten, wie dort langsam die Panik ausgebrochen ist“, erläutert Philipp Mayer die Situation. In einem beispiellosen Kraftakt schafften sie es dennoch zum Top 5 Shootout des Endurance. Die Rundenzeiten der Topteams lagen im Endurance eng beieinander. Das GreenTeam konnte die Distanz ohne Probleme durchfahren. Beide Fahrer zeigten eine starke Leistung und absolvierten schnelle und konstante Rundenzeiten. Aufgrund der Probleme in Österreich wählte das Team eine eher konservative Strategie und reduzierte die Fahrzeugleistung
relativ früh.

Überraschung bei Siegerehrung
Die internen Hochrechnungen gingen von einer sehr engen Entscheidung an der
Spitze aus, mit kleinem Vorteil für AMZ Racing aus Zürich. Das Podium schien aber sicher – Platz drei, vielleicht sogar Platz zwei? Die Siegerehrung brachte dann die erste Überraschung. Nicht Delft, sondern das GreenTeam durfte den Sieg im Autocross bejubeln. In der technischen Abnahme nach dem Autocross stellte die Rennkommission Unregelmäßigkeiten bei der Aerodynamik fest, die zu einem Punktabzug führten. Nicht minder überraschend waren die Endergebnisse im Endurance. Auch hier erreichte das GreenTeam die Höchstpunktzahl. AMZ Racing durfte zwar am Endurance teilnehmen, war nach dem Inverterproblem jedoch zu spät im Vorstartbereich. Daraus resultierte eine Zeitstrafe von zwei Minuten, die auf das Ergebnis im Endurance addiert wurde.
„Jetzt müsste es doch auch für den Gesamtsieg gereicht haben?“, dachten sich die Teammitglieder völlig überrascht. Anders als bei der Formula Studen East rechnete hier niemand mit dem Gesamtsieg. „Was soll man sagen. Das ist halt einzigartig. Überragend“, erzählt Philipp Mayer. „Wirklich keiner aus dem Team hat gedacht, er wäre erster“, ergänzt Marko Nonhoff. Von Anfang bis Schluss lieferte das Team eine konzentrierte Leistung und wurde dafür mit dem
prestigeträchtigen Gesamtieg bei der Formula Student Germany belohnt.